Ein abwechslungsreicher Klettersteig in den Südwänden am Languard-Wasserfall über Pontresina mit vielen pfiffigen Aktion Elementen. Eine Seiltraverse, Spinnennetz und der Ausblich in die Gletscherwelt der Bernina Gruppe. Die schnelle Erreichbarkeit zeichnen den La Resgia-Klettersteig aus. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen zu empfehlen.

Die ganze Woche war bedeckt und nachts ging die Temperatur unter 10°. Aber der eine Tag brachte Sonnenschein und ich erkundigte mich in der Bergsteigerschule in Pontresina ob der Klettersteig zum Piz Trovat geöffnet ist. Nach einer Internet Recherche und einem Anruf bei der Seilbahn war klar, dass der Klettersteig wegen Schnee geschlossen ist. Die nette Bergführerin hinter dem Schalter überredete mich als Alternative den Klettersteig „La Resgia“ mit der Einstufung 3–4 zu wagen. Der Vorteil, er beginnt unweit vom Dorfende Pontresina an der linken Talseite und ist von unseren Ferienwohnungen Curtin 16 und 18 in 10 Minuten zu erreichen…

Ich konnte von der Ferienwohnung Curtins 16, in Pontresina, zu Fuß an der linken Talseite zum Ausganspunkt gehen. Autofahrer nutzen den Parkplatz außerhalb Pontresina beim Gemeindewerkhof oder bei der Familie Seiler an der rechten Straßenseite.
Mit der RhB Bahn fährt man bis zur Station Surovas. Von dort sind es 15 Minuten zum Einstieg.
Mit dem Postauto zur Station Pontresina/Palü, unweit vom Parkplatz beim Gemeindewerkhof oder bei der Familie Seiler.

Vom Parkplatz da überquert man die Bernina Passstraße. Dort befindet sich ein Wegweiser mit Tafel zum Klettersteig. Ein  blau/weiß/blau markierten Weg beginnt. Der Weg führt am Bach entlang, hinauf durch Gras und unter Bäumen zum Ende vom Languard Wasserfall. Dort ist der Einstieg zum Klettersteig La Resgia. Bevor man die Klettersteigausrüstung anzieht ist es sinnvoll die Blase zu entlasten.

Am Fels ist eine weitere Tafel angebracht mit den wichtigsten Kriterien:

  •  Schwierigkeitsgrad 3-4
  •  Ausgangspunkt 1827 m
  •  Aufstieg 250 m 3:30 Std
  •  382 Tritte, 620 m Sicherungsseil, 
  •  folgende Gimmiks sind verbaut: ein Spinnennetz, eine Seilbrücke, eine leicht überhängende Leiter
  •  Abstieg 370 m oder 45 Minuten über den Röntgenweg oder zu Fuß hinauf zur Bergstation Alp Languard (Restaurant) (15 Min) um dort mit der Sesselbahn abzufahren
  •  die Begehung ist vom 1. November bis zum 30. Juni gesperrt, wegen Vogelschutz.
  •  der Klettersteig besitzt keinen Notausstieg, jedoch eine große Holzbank zum Ausruhen auf mittlerer Höhe

Trainingsparcour, Übungsstrecke
Bevor es richtig losgeht beginnt an der Tafel ein Trainingsparcour. Der Führer kann mit Ungeübten oder Anfängern die Vorgehensweise und die Klettertechnik erklären und den gesmmten Bereich einsehen, beobachten und Hilfestellung gbenen. Dieser Parcour ist bemerkenswert, jeder Teilnehmer ist auf den gleichen Stand der Technik und der Führer hat Vertrauen zu seinen Schäflein gefunden.
Ich bin alleine unterwegs, mein Puls beginnt sich zu beschleunigen, als ich die ersten Tritte erklimme und weiter klettere über eine Funleiter, ein Stahlseilnetz, vergleichbar mit einem Spinnennetz. Hat man diesen Teil hinter sich, dann orientiert man sich nach links dem Überhang entlang, wo dieser Teil endet.
Nach diesem Parcour geht es einen kleinnen Trampelpfad bergauf zum zweiten Einstieg. Auch dort ist eine weitere Tafel aufgestellt.

Der Einstieg
Hier befindet sich der zweite Einstieg. Das Übungsstück kann man umgehen.
Nun wird es ernst; ohne die Möglichkeit umzukehren. Die ersten Schweißperlen rinnen mein Gesicht herunter und die Sonnencreme brennt in den Augen, die Sonnenbrille läuft an. Ich denke mir: „Super. Wie soll ich mir da einen Überblick verschaffen?“ Der Nervenkitzel beginnt, nacheinander klicken die Karabiner, um so ein Seilstück nach dem anderen zu begehen. Ansonsten ist es gespenstig ruhig, nicht einmal die Blätter der Bäume sind zu hören. Nun heißt es, den Körperschwerpunkt nicht zu dicht an den Felsen zu drücken, denn das kostet Kraft. Die Karabiner sollten am gestreckten Arm erreichbar sein. Ich muss am freien Fels meine Tritte suchen, das braucht Zeit und Übersicht, bloß nicht hetzen lassen. Mein Blick muss sich nach Oben orientieren um den fels abzusuchen um Haltepunkte und Griffe zu finden. Dann nachdem man die leichten Platten zurückgelegt hat, kommt ein steiler Felsblock mit einer 3 Meter langen senkrechten Leiter. Die Hubbewegung muss aus den Beinen kommen, nicht die Hände ziehen den Körper nach oben. Tritt für Tritt geht es voran, es ist schwierig die großen, breiten Bergschuhe gut auf die schmalen Tritte der Leiter zu setzen. Wow, das ist geschafft, aber keine Zeit zum Ausruhen, denn es kommt wie`s kommen muss: noch härter. Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen, um meine Kräfte besser einteilen zu können. Der nächste Schwierigkeitsgrad von 3 steht kurz bevor. Komme ich schon an mein Limit? Mit offenen Augen und wachem Verstand geht`s steil und glatt hinauf. Ich widerstehe der Versuchung mich am Sicherungsseil hochzuziehen. Meine Knie zittern und ich muss mich konzentrieren diese gefährliche Partie gut zu meistern. Ich klinke einen zusätzlich mitgenommenen kurzen Strick in den Eisentritt ein, um mich an einem Standplatz zusätzlich abzusichern und zu verweilen. Ja, man muss schwindelfrei sein, um das genießen zu können. Ich schaue zurück und kann links unten die letzten Häuser von Pontresina erkennen und dort auch das Haus Curtins 16 mit der Ferienwohnung. Man sieht sehr gut, dass die Südlage unverbaut und offen ist, die große Wiese geht bis zum Bach, dann folgen Wanderwege und die Bahntrasse. Es zieht gerade der Bernina Express, ein roter Zug mit Panoramawagen entlang, Richtung der Station Morteratsch. Dieser Teil der Bahnstrecke wurde zum Weltkulturerbe ernannt und führt über Poschiavo,  Brusio, ins Veltlin nach Tirano  in die Lombardei nach Italien.

Der Zug zieht seine Schlangenlinie, um die Steigung zu minimieren und verschwindet nach und nach im Wald. Die Ruhe kehrt zurück, nun kommt ein eher flaches Stück. Ein Band führt nach rechts hinauf, dann ist ein langer Balken eingelassen an dem die Bergstiefel guten Halt finden.

Ausweichstrecke um die Schwierigkeitsstufe 4 zu umgehen
Jahre danach wurde hier eine Ausweichstrecke montiert, so dass diese Passage umgehen werden kann.

Die Seilbrücke
Der Blick voraus erspäht eine Seilbrücke über eine Länge von 3 Meter. Darüber befindet sich der „Adlerhorst“, ein überhängendes Felstor. Ich hake die zwei Sicherungskarabiner nacheinander in das oberste der drei Seite. Nun tastet sich der erste Fuß an das unterste Seil heran, ich verlagere mein Gewicht langsam auf das Seil, das Seil wird dadurch gespannt. Meine beiden Hände suchen Halt und umgreifen das mittlere der drei Seile. Mein Körper ist krumm wie eine Banane, ich hole Luft und verschiebe meinen Körperschwerpunkt so, dass er direkt senkrecht über dem untersten Seil steht und strecke mich in die Länge. Nun tastet sich der zweite Fuß voran und in kleinen Hühnerschritten geht es entlang der Brücke. Volle Aufmerksamkeit und Konzentration sind gefordert. In der Stille höre ich fröhliche Stimmen. Diese kommen schnell näher, was in mir, in dieser Engstelle, Furcht erzeugt, der Puls beginnt zu pochen. Was soll ich tun? Zurück? Schnell schnell nach vorne? Oder stehen bleiben? Ich entscheide mich konzentriert weiter zu gehen, Schritt für Schritt komme ich dem Ende näher. Da blicke ich zurück und sehe am Brückenanfang zweit junge Kletterer. Die schnell näher rücken. Ich halte die Luft an, wollen die mich abdrängen und überholen? Wir sind doch hier oben nicht auf der Shellstraße. Die Shellstrasse führt von Punt Muragl nach Samedan und wurde als erste Strasse in Graubüden 1929 geteert. Bezahlt wurde diese Strasse von einem Golfspieler, der die Nase voll hatte von den Staubwolken, ein Direktor von der Fa. Shell. 1979 wurde die Sanierungskosten ebenfalls von der Fa. Shell übernommen.
Am Ende der Brücke geht es über in einen leichten Überhang und dann steil bergauf. Der Abstand verkleinert sich nicht und ich klettere die Eisenstufen nach oben. Da beginnt die Schwierigkeitsstufe 4. Aber es geht nicht mehr weiter, die Sicherungskarabiner stoppen am letzten Fixpunkt. Der liegt nun unerreichbar weit unter mir. Ich muss zurück, runter steigen, um die Karabiner auszuhängen und in das nächste Seilstück einzuhängen. Dann wieder nach oben. Jetzt kreuzen sich die Sicherungsleine und der Kletterweg. Ich muss über das Sicherungsseil nach links oben steigen und die Karabiner sind jetzt an der rechten Körperseite. Schweiß rinnt wiederholt über das Gesicht. Ich orientiere mich nach oben und erkenne einen möglichen Ausstieg.  Dort ist ein kleines Plateau mit einer riesig langen Holzbank.

Ruhebank
Ich wähle einen sicheren Standplatz und steige aus dem Sicherungsseil. Der Weg ist frei und es überholen mich zwei Zweierklettergruppen. Es ist spannend anzusehen, wie diese sich langsam entfernen dem Klettersteig folgend. Ruhe kehrt zurück. Ich bin mutterseelenalleine auf der riesigen Bank. Die Aussicht ist fantastisch. Der Piz Palü und direkt unter mir das Berninatal, Val da Bernina mit dem Beninabach, ein 13 km langer Arm der zwischen Celerina und Samedan in den Inn fließt. In der Sonne erscheinen die vielen Bachverzweigungen als glitzernde Fäden. Der Bach wird gespeist von der Berninagruppe und deren MorteratschgletscherPersgletscher und Tschiervagletscher und bringt riesige Mengen von Geröll und Sand mit. Es ist der Kreislauf: Verdunstung, Niederschlag, Regen oder Schnee bilden Eismassen, die dann wieder abtauen. So schmelzen unsere Süßwasserreserven. Beängstigend, der Rückgang der Gletscher in Länge und Dicke. Die Eis-Stupa im Morteratsch verdeutlichen dies ebenso und redet uns in unser Gewissen. Dort unter wird der Bach gestaut, damit sich die Fließgeschwindigkeit verringert und das Geröll sich ablagert. Riesige Bagger entnehmen dem Fluss das Geröll zur Verwendung im Straßen-, Hoch- Tiefbau.

Nun wird es Zeit, alles einzupacken, auch der Abfall kommt mit, die Seilsicherung wird überprüft und los geht es. Ach, noch ein Spritzer Sonnencreme, fast vergessen! Über markante Platten geht es steil hinauf, Tritt für Tritt weicht die Müdigkeit und das Auge sucht nach guten Tritten.

Spinnennetz
Ein Netz spannt sich über 3 Meter hoch und verjüngt sich nach Oben. Es ist leicht nach vorne geneigt. Soll ich außen hoch klettern und mich überhängend nach oben tasten? Nein, ich gehe die Sache lässig an und steige innen hinauf, denn die Aussicht zum Piz Palü, mit seinen drei Bergspitzen ist fantastisch. Der Schneeberg glitzert und strahlt vor blauem Himmel, fantastisch, das muss ich mit dem Foto festhalten. Die Pause tut gut. Das Hantieren mit dem Foto braucht Zeit, man braucht einen sicheren Stand, muss den Foto aus der Tasche holen, ausklappen, das Motiv fixieren und wieder verstauen. Gut, dass ich die Standsicherung benutze. Wo ist der rechte Handschuh geblieben den ich gerade ausgezogen habe? Ah, er steckt in der Jackentasche, alles gut! Weiter gehts. Ich zwänge mich durch das kleine Loch am Ende vom Netz. Der Rucksack mit der Brotzeit und den Wasserflaschen ist für einen kurzen Moment zu dick, aber mit einem starken Ruck geht`s hindurch. Immer wieder kann man den Wasserfall mit seinem ungestümen Getöse sehen oder auch nur hören. Der Kletterpfad befindet sich links vom Wasserfall der vom Piz Languard Tal herunterkommt und oben über eine Klippe fast frei hinunterfällt und sich ins Tal stürzt. Weiter geht es zu großen langen, schwarzen Platten. Die vielen Trittbügel erleichtern den Aufstieg. Die Wände werden immer steiler. Und dann, das Ende ist erreicht.

Der Ausstieg
Große grüne Grasflächen unter schönen Nadelbäumen werden sichtbar. Nach dem Ausstieg macht sich Erleichterung im ganzen Körper breit. Ein super Gefühl steigt auf und man ist nur glücklich über das Geschaffte. Die letzten Schweißperlen werden abgewischt und nachdem ein sicherer Stand gefunden wurde, wird der Helm und der Klettergurt abgezogen. Die Strapazen verfliegen im Nu. Die Sonne brennt und so muss auch die Jacke weichen. Dort oben bietet sich ein schattiger Rastplatz unter Bäumen an, an dem verweilt werden kann. Schokolade, Wasser und eine Salzi versüßen die Rast und bringen neue Energie. Auf 2198 m endet der erste Teil vom Klettersteig. Man geht nach links und kommt unmittelbar zum Röntgenweg, der zurück nach Pontresina führt. Wie ich erfahren habe, gibt es noch eine Verlängerung, also einen zweiten Abschnitt, der dann zur Bergstation vom Sessellift führt. Dieser zweite Teil ist schwieriger und bedingt durch den Überhang werden die Arme stärker belastet. Dort oben ist auch ein Bergrestaurant mit noch besserer Aussicht gegen das Inntal. Da beginnt das Steinbock Paradies.

Ich sehe mir noch die vielen beschrifteten Schilder, mit den hier brütenden Bergvögeln an, mit denen der Kletterer die Wand teilt. Wie ober erwähnt, gehört die Wand diesen Vögeln von November bis Juni, weshalb zu dieser Zeit die Wand für Kletterer gesperrt ist. Ich nehme den Weg zurück, der nun rot/weiß/rot markiert ist, nach unten und komme am Röntgenplatz vorbei, dem Namensgeber dieses schönen Weges und dann zurück nach Pontresina.

Was für eine tolle Erfahrung!